Kölner Stadt-Anzeiger
07.05.2011
Ressort: MAW
TITELTHEMA – DIE SINNSUCHER
Rasseln für Großmutter Mond
Schamanen, Yogis und Engel, die im Bauch kribbeln. Die Kirchen werden leerer, die Suche nach dem Übersinnlichen bleibt. Viele basteln sich ihre eigene Religion. Für die einen ist es ihr persönlicher Glaubens-Mix, für andere nur Esoterik. Ein Besuch bei Spirituellen
VON ALICE AHLERS
Das Feuer brennt. Emmas Eltern heben die Hände zum Himmel, schütteln die eiförmigen Rasseln, drehen sich nacheinander in alle Himmelsrichtungen. “Kräfte des

Bei der schamanischen Taufe am Rhein sollen die Kinder mit den Naturelementen verbunden werden. Bilder: Franz Schwarz
Südens. Seht auf dieses Kind”, ruft Lucy Kerasidou. Der Himmel hinter der Rodenkirchener Brücke färbt sich gelb. Der Dom in der Ferne ist eine schwarze Silhouette. Sie singen ein leises Lied in einer alten Indianersprache, schütteln die Rassel im Takt dazu. Es klingt nach Südamerika, nach Trommeln und Tanzen mit nackten Füßen. “Hooooouh”, rufen sie.
Die vierjährige Emma und ihr Bruder, der noch ein Baby ist, werden heute getauft. Nicht in einer Kirche, sondern hier am Rhein, am Strand in der Natur. Auch ein Pfarrer ist nicht dabei, sondern Lucy Kerasidou. Sie macht Taufen nach schamanischem Ritual, bei dem die Kinder mit den Naturelementen verbunden werden sollen. Sie beten zu Mutter Erde, Vater Sonne, Großmutter Mond, erbitten den Segen der vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Emma guckt staunend zu den Erwachsenen hoch, den Mund halb geöffnet, die Augen ganz groß. Dann macht sie die Gesten der Erwachsenen nach wie bei einem Kindergartenspiel, geht in die Hocke und berührt Mutter Erde, lässt sich von Lucy Kerasidou sanft das Element Wind ins Gesicht pusten. Die Eltern lesen Wünsche für ihre Kinder von einem Zettel vor. Das Feuer wirft tanzende Schatten in die Gesichter. “Offenheit und eine gesunde Erde”, wünscht sich die Mutter und gibt den Zettel ins Feuer.
Dann bekommen die Kinder Geschenke aus der Natur: Einen bemalten Stein und ein Holzkreuz mit einem schillernden Stein.
“Wir machen öfter mal was Schräges”, sagt Emmas Mutter, die anonym bleiben will. Sie sei zwar katholisch, doch eine Taufe in der Kirche – das käme ihr ganz seltsam vor. “Nee”, winkt sie ab. “Wir sind da ja nie”. Trotzdem wollte sie ein Ritual für ihre Kinder. “Etwas, das sie im Leben willkommen heißt”.
Persönlicher Glaubens-Mix. So wie ihr geht es vielen Menschen. Die Kirchen werden leerer, doch die Suche nach dem Übersinnlichen bleibt. Losgelöst von Konfessionen und Institutionen basteln sich viele Menschen ihre eigene Religion zusammen.
Sie glauben an den Kosmos, die Aura oder Naturgeister, an Meditation und Mantras. Sie gehen in Yoga-Studios, Praxen für Energiearbeit, zu Mondschein-Meditationen, Klangschalen-Seminaren oder reisen zum Ayurveda-Urlaub nach Indien.
Sie suchen etwas, das sich gut anfühlt und zu ihnen passt. Etwas, das Rituale schenkt, die zur Ruhe kommen lassen in einer schnellen Welt. Aus welchem Kulturkreis diese Rituale stammen, ist dabei nicht so wichtig.
Auch Lucy Kerasidou lässt sich in keine Religions-Schublade stecken. Sie ist so etwas wie eine Patchwork-Gläubige.
“Ich bin wirklich froh, dass ich mich nicht entscheiden muss”, sagt die 39-Jährige, deren dunkles Haar in einem lockeren Knoten auf dem Kopf sitzt. “Ich suche mir einfach das heraus, was mir gefällt”. In ihrer Küche ist es gemütlich. Vom hölzernen Tisch aus sieht man durch das Fenster auf den Rhein. Die Schiffe tuckern leise. An der Wand hängt eine runde Uhr, deren Zeiger sich über das Bild eines bunten Jesus schieben. Als sie ein Kind war, ging Lucy alleine in die Kirche. Ihre Eltern, griechisch-orthodox, waren nicht besonders religiös. “Gott gibt es nicht”, sagte ihr Vater immer. Doch Lucy fühlte sich in der Kirche wohl. Noch heute glaubt sie an Jesus. Ein Vorhang aus Holzperlen rieselt leise, wenn man ihr Schlafzimmer betritt. An der Wand steht auf einem kleinen Tisch eine Art Schrein. Lucy öffnet die Flügeltüren. An der Rückwand hängt ein aufgerolltes Pergament mit schwarzen Schriftzeichen – dicke und dünne Striche wild durcheinander gepinselt. Davor stehen Kerzen, liegt ein Engelbildchen, und getrocknete Blüten. Vor dem Schrein konzentriert sich Lucy Kerasidou jeden Morgen auf den Klang eines einzigen Satzes, den sie bis zu einer dreiviertel Stunde wiederholt. Ein Ritual aus dem japanischen Nichiren-Buddhismus, in das sie eine Freundin einweihte. “Ich bin danach viel klarer im Kopf”, sagt Lucy Kerasidou, die als Motopädin im Kindergarten arbeitet. “Ich habe dann einfach mehr Energie”.
Bei einem Schamanen lernte sie außerdem sich mit den Naturgeistern zu verbinden, schlechte Energien aus der Vergangenheit zu vertreiben. Regelmäßig geht sie zu den Treffen der Kölner Sufis, einer mystischen Gruppe des Islam, die gemeinsam auf Arabisch meditieren, anschließend zusammen essen und dem Vortrag des Meisters zuhören. Ihr persönlicher Glaubens-Mix habe ihr Leben verändert. “Ich bin viel positiver geworden. Musste nicht mehr ständig umziehen, habe nette Leute angezogen”.
Auszug aus:
07.05.2011
Ressort: MAW
TITELTHEMA – DIE SINNSUCHER
Rasseln für Großmutter Mond VON ALICE AHLERS



